Eine Schweiz in der Schweiz

Von Rolf Breiner

 

Nur drei Bahnstunden entfernt – und doch seltsam fern. Was ist uns vertraut an der Genferseeregion – die guten Weinlagen zwischen Lausanne, Vevey und Aigle, die Postkartenlandschaften zwischen Bienne und Fribourg, das Musik-Mekka Montreux?

 

Man weiss, dass in Lausanne das Internationale Olympische Komitee seit 1915 seinen Sitz hat, dass viele internationale Organisationen in Genf verankert sind. Aber was weiss man über die politische und wirtschaftliche Situation zwischen Lausanne und Genf, über den Kulturmix im Arc Lémanique und über den Immobilienmarkt in der Romandie? Uns nahm es wunder, und wir nahmen das Welschland aufs Korn (ab Seite 18). Nein nicht kriegerisch von West nach Ost, sondern neugierig, journalistisch. Röschtigraben – eine Erfindung der Politiker und Populisten?

Denkste. Die erste Barriere ist sprachlicher Natur, die zweite kultureller Art. Fraglos ist das Welschland frankophil. Will heissen: Der französische Fussball interessiert hier mehr als die deutsche Bundesliga. Kein Verständnis bringt man dafür auf, dass in Deutschschweizer Schulen das Englische dem Französischen vorgezogen wird. Ein Affront.

 

Dem Hickhack in Bern, Basel oder Zürich um die Anti-Minarett-Kampagne und die Plakatdiskussionen schenkt man in Genf nur ein müdes Lächeln: «Wissen Sie, hier in Genf haben wir die grösste Moschee. In Genf sind 40 Prozent Ausländer, und Genfer machen nur 30 Prozent der Stadtbevölkerung aus». meint Jean-Paul Bart, Verwaltungsrat und Aktionär bei Naef et Cie SA. «Da sind doch Minarette kein Thema.» (Interview ab Seite 14). Obwohl, möchte man anfügen, in Genf just bei den Wahlen im Oktober die rechtspopulistische MCG (Mouvement Citoyens Genevois) ihre Sitze im Genfer Rat verdoppeln konnte. Die MCG hat vor allem Stimmen damit gewonnen, dass sie dafür votierte, freie Stellen an Genfer Bürger zu vergeben und nicht an Grenzgänger aus Frankreich. Das kommt einem dann doch wieder recht(s) schweizerisch vor. Es tut sich was im Westen. Die Stimmbürger von Genf und Lausanne haben ihren Regierungen im Oktober auch den Segen für grosse Bauvorhaben gegeben, für den Ausbau des Hauptsitzes der Welthandelsorganisation WTO in Genf, für ein ökologisches Quartier anstelle des alten Stadions Pontaise, für ein neues Fussballstadion, eine Schwimmhalle und mehr in Lausanne. Davon kann Zürich nur träumen.

 

Aber nicht nur im Westen, auch im Osten der Schweiz tut sich einiges. Der Kanton Thurgau kennt keine Krise. Hier wird gebaut, was der Boden und die Bewilligungen herhalten. Die Bodenseeregion zwischen Kreuzlingen und Romanshorn ist begehrt – als Wohnsitz und Standort (Seite 22). Wer würde auch bei diesem Slogan nicht hellhörig: «Wohnen am Meer», auch wenn es sich nur um das Schwäbische Meer handelt.

In diesem Sinne schauen Sie nach Westen und nach Osten und bleiben Sie uns gewogen.




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