Wäschles Visionen

Interview: Rolf Breiner


Atelier ww – Der Zürcher Architekt Walter Wäschle ist unerschöpflich in seinen Visionen, Vorgaben und Initiativen. In Pratteln ( Ceres Building) und Zürich ( Wohnturm Löwenbräu-Areal) entstehen Hochhäuser, in Peking eine Shopping Mall. Jüngst brachte er einen neuen, überzeugenden Kongresshaus-Vorschlag ins Spiel.

 

Unauffällig, etwas in den Hintergrund gerückt, wirkt das Haus an der Asylstrasse 108 in Zürich. Das ehemalige Beizli Riedtli wurde vom atelier ww umgebaut. Hier sind Walter Wäschle und seine Kollegen Urs und Rolf Wüst zuhause, hier arbeiten rund 80 kreative Geister für das atelier ww, hier entstehen zahlreiche Ideen, Visionen, Pläne und Projekte. Um einen Lichthof mit einer Wendeltreppe, der im wahrsten Sinn des Wortes diese Bezeichnung verdient, gruppieren sich ein Unter- und Grundgeschoss sowie zwei weitere Stockwerke. Transparenz vom offenen Pausenraum mit Bartheke bis zum Sitzungszimmer ist angesagt. Man begegnet Zeichnungen, Bildern, Modellen von Peking bis Zürich.

 

Hier trifft IMMOBILIEN Business auch Walter Wäschle, den 64-jährigen Tausendsassa der Architektur. Er ist wieder einmal unter Termindruck. Er muss noch zu den ZSC Lions, die ihren Senf, Entschuldigung ihre Meinung zum Projekt Duplexstadion in Zürich geben wollen, dem diskutablen Wäschle-Entwurf für eine Fussball- und Eishockeyarena.


Zwei Fussball-Grossvereine in Zürich, aber kein geeignetes Stadion. Wie steht um Ihren Entwurf für Fussballer und Eishockeyaner?
Walter Wäschle: Wir haben die Idee vom Doppelstadion entwickelt. Die alte Stadion-Idee ist gestorben. Es gibt nur eine richtige Lösung, nämlich Fussball mit Eishockey zu verbinden. Dabei gäbe es nur Profiteure. Mit einem Doppelstadion könnte man ein Wahrzeichen setzen. Es müsste für dieses Stadion ein Architekturwettbewerb geben. Politiker und Sportvereine sollten an einem Strang ziehen, dann könnte man auch in Zürich noch etwas Grosses auf die Beine stellen. Wenn die Leute wirklich wollen, könnte man etwas kurzfristig realisieren.

 

Wer sind die Leute, die nicht wollen?
CS wollte nicht mehr. Jetzt muss man neu anfangen. Es gibt kein Argument gegen die angesprochene Lösung.

 

In Zürich wachsen die Wohn- und Bürotürme in den Himmel. Sie selbst tragen dazu bei mit dem 70 Meter hohen Wohnturm auf dem ehemaligen Löwenbräu-Gelände. Was hat es damit auf sich?
Zuerst gab’s ein Projekt von Theo Hotz – der hätte alles abgerissen. Wir haben beschlossen, die alte Bausubstanz stehen zu lassen. Die Ausnutzung auf dem Löwenbräu-Grundstück konnte mit dem Turm generiert werden. Wir haben also die Ausnutzung in die Höhe getrieben und entwickelt.. Das wurde dann auch von der Stadt unterstützt. Die Kunstszene und die alten Brauereigebäude bleiben erhalten. Jetzt entstehen rund 70 Wohnungen zwischen 80 und 400 Quadratmeter. Die grösste unterm Dach. Eine absolute Luxuswohnung. Das Wohnen im Turm ist wieder in, ist wieder populär, Die Nachfrage ist gross. Generell ist eine Eigentumswohnung in Zürich eine Rarität.

 

Sie arbeiten bei diesem Projekt mit Gigon/Guyer zusammen. Wie ist es dazu gekommen?
Es gab einen Wettbewerb, und es gab zwei erste Preise. Dann hat man beschlosssen, dass man bei so viel Potenzial beide Projekte zusammen nehmen sollte. Wir haben eine Arbeitsgemeinschaft gegründet und sehr konstruktiv zusammen gearbeitet.

 

Ein anderes interessantes Züricher Projekt von Ihnen wurde scheinbar auf Eis gelegt – das Seerestaurant quasi in Nachfolge des beliebten Partyflosses. Die Zeit scheint noch nicht reif dafür, oder?
Doch, die Zeit ist reif dafür. Die Stadt Zürich hat ein Leitbild für die Entwicklung des Seebeckens verabschiedet. Unser Vorschlag für den Standort eines Seerestaurants ist eine mögliche Option.

 

Sie sind aber nicht nur in der Schweiz aktiv. Sie liefern auch Ideen für Peking und die Emirate, für Südkorea, Abu Dhabi oder Vietnam. Was ist daraus geworden?
Viele Projekte sind noch in der Schwebe. Ende des Jahres wird ein Einkaufszentrum in Peking eröffnet (wir haben den internationalen Wettbewerb gewonnen) – mit 140 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das entspricht fünfmal dem Glattzentrum. Die Chinesen haben es in zwei Jahren gebaut. Ich bin gespannt, wie es umgesetzt wurde.

 

Sie haben die Architektur zu diesem Projekt geliefert…
Ja die Architektur mit Detailstudien, aber die Ausführungsplanung ist vor Ort gemacht worden.

 

Ihre Gemeinschaft nennt sich atelier ww. Dort fehlt eigentlich ein w im Namen – bei Wäschle, Wüst & Wüst. Das hätte sich doch gut gemacht…
Na klar – heute wäre www noch besser, und der totale Gag, aber das gab’s 1970 noch nicht, als wir unsere Firma gründeten.

 

Architektur ist ein weites Feld. Sie planen, bearbeiten und führen Bauten aus – mit unterschiedlichen Nutzungen und Volumen. Woran orientieren Sie sich?
Wir versuchen, in Zusammenarbeit mit dem Bauherrn seinen Wünschen gerecht zu werden. Wir verfolgen keine Selbstzweckarchitektur, sondern meinen, dass ein Nutzen erfüllt werden muss.

 

Ihre Philosophie zielt auf ein Zusammenwirken von Zeit, Mensch und Ort, haben Sie einmal erklärt. Was bedeutet das konkret?
Es ist natürlich ein Unterschied, ob man in der Stadt Zürich baut oder irgendwo im Grünen. Man muss den Kontext und das Umfeld, in dem man sich bewegt, einbeziehen und planen, damit man keine Fremdkörper produziert.
Sie legen grossen Wert auf die Funktion, auf Funktionalität eines Gebäudes. Kommt in Ihren Überlegungen die Funktion vor der Ästhetik?
Es muss eine Synenergie ergeben.

 

Es ist immer wieder von Nachhaltigkeit die Rede. Wie beurteilen Sie diesen Trend?
Das hat sicher seine Berechtigung, aber im Moment ist es zum Mode- und Schlagwortverkommen. Richtig ist, dass man energiebewusst plant.

 

Häufig spricht man von «guter Architektur». Was verstehen Sie darunter?
Gute Architektur hat auch in zwanzig Jahren noch Bestand. Gute Architektur, könnte man den Faden weiterspinnen, bewegt etwas – Menschen, das Umfeld, das Erscheinungsbild, eine Entwicklung. Walter Wäschle hat sich immer wieder eingemischt, in Zürichs städtebauliche Entwicklung. Vor zehn Jahren hat er bereits ein Seerestaurant am Zürichsee vorgeschlagen. Auch auf das Scheitern des neuen Hardturmstadions weiss er eine Antwort: eine Duplexarena für Fussballer und Eishockeyaner. Im Juni hat er die Diskussion um den Kongresshaus-Standort in Zürich neu belebt und den Carparkplatz hinter dem Hauptbahnhof ins Spiel gebracht. Das atelier ww arbeitete eine Machbarkeitsstudie aus und propagiert ein Kongresszentrum an der Sihl.

 

Was bewegte Sie dazu und welche Gründe sprechen für dieses Projekt?
Wäschle: Unser atelier ww gestaltet die Stadt seit Jahren mit, und so tragen wir auch eine gewisse Verantwortung und kümmern uns um brachliegende Projekte. Unser Vorschlag schliesst eine städtebauliche Lücke. Man würde mit diesem Projekt wahrhaftig Stadtreparatur betreiben.

 

Und wie steht es um ein Kongresshotel? Dafür wäre Platz zwischen dem Hauptbahnhof und dem Carplatz. Auf dieser Liegenschaft befindet sich die Wirtschaft zum Vorbahnhof, die der PSP gehört, und das Hotel Walhalla, in Besitz von Fred Tschanz. Das ist eine Chance!

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Who is Walter Wäschle

Geboren 2. Juni 1945 in Zürich (Sternzeichen: Zwilling). Verheiratet mit Hanna, seit 1977. 2 Kinder, 2 Enkelkinder. Wohnhaft am Bellevue, Zürich; Feriendomizil in Ascona. Ausbildung bei Theo Hotz. Dipl. Ing. Mag. Architekt. Akademie der bildenden Künste, Wien.

 

Werke u.a. Messe Zürich; Hochhaus-Ensemble in Zürich-Oerlikon (Sunrise-Türme); Medienhaus an der Sihl, Zürich; Flughafenhotel Radisson Blu, Kloten, City Bernina.
Aktuelle Projekte u.a. Ceres Building in Pratteln; Wohnturm auf dem ehemaligen Löwenbräu-Areal, Zürich; Rosenberg-Areal in Winterthur; Messe Luzern; Migros City, Zürich; Münchhaldeneck / Seefeldstrasse, Zürich; Cardinal Areal, Rheinfelden; Shopping Mall in Peking.

 

Visionen und Vorschläge Seerestaurant am Zürichsee, Zürcher Kongresshaus auf dem Carparkplatz am Hauptbahnhof.


PERSÖNLICH – AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Wie verhalten Sie sich in Krisenzeiten – offensiv oder defensiv/konservativ? Wie gehen Sie mit Krisen um?
Ich spüre keine Krise, deswegen kann ich diese Frage nicht beantworten.

 

Sie hatten Theo Hotz als Lehrmeister. Haben Sie Vorbilder in der Architektur?
Bei Theo Hotz habe ich sicher viel gelernt, aber ich habe ihm auch viel gebracht. Es war eine gute Zusammenarbeit. Ansonsten bin ich nicht an Vorbildern orientiert.

 

Was wären Sie gern geworden – ausser Architekt?
Das habe ich mir noch nie überlegt.

 

Können Sie uns in fünf Stichworten sich selbst beschreiben und charakterisieren?
Das kann ich nicht. Diesbezüglich müssen Sie meine Frau fragen.

 

Und das haben wir dann auch gemacht. Hanna Wäschle, ursprünglich aus Bayern, ist seit 1977 mit Walter Wäschle verheiratet, Sie malt und schafft Skulpturen in ihrem Atelier an der Froschaugasse, Zürich, und meint:
Er besitzt grosse Vitalität und sprüht vor Energie, er ist flexibel, lustvoll in Allem, humorvoll und vielfältig. Er entscheidet aus dem Bauch heraus. Er unternimmt viel, ist unterwegs, ich bin eher häuslich.