SCHWERPUNKT SBB Urs Schlegel, Leiter der SBB Immobilien, über Nutzungen und Dienstleistungen
Interview: Birgit Wüst
SBB – Nach dem Konzept «Mehr Bahnhof» setzen SBB Immobilien auf die Weiterentwicklung der Bahnhöfe zu RailCitys und attraktiven Dienstleistungszentren.
Die Immobiliensparte der SBB wertet derzeit in vielen Städten das Umfeld der Bahnhöfe durch eine gezielte Entwicklung der angrenzenden SBB-Areale zu lebendigen Quartieren auf – mit Büros, Wohnungen, Schulen, Freizeitmöglichkeiten und vielem mehr. Das aktuell prominenteste Beispiel ist wohl das Projekt Europaallee, Zürichs neuester Stadtteil, für den in diesen Tagen der erste Spatenstich gesetzt wird. IMMOBILIEN Business sprach mit Urs Schlegel, seit 1992 Leiter der SBB Immobilien, über aktuelle Projekte, Trends und Strategien.
Die SBB bleiben in Bewegung – vor allem im Hinblick auf den Immobilien-Bestand. Wie viele Projekte sind derzeit im Bau?
Urs Schlegel: Aktuell befinden sich rund zwanzig grössere und grosse Projekte im Bau.
Beispielsweise?
Am 2. Juni feierten wir die Grundsteinlegung des Projektes Basel Südpark, wo wir rund 80 Millionen Franken in ein Dienstleistungszentrum mit Einkaufszentrum, Büroräumen und Alterswohnungen investieren. Und bald folgt mit dem Bau der Pädagogischen Hochschule Zürich eine erste Etappe des Projektes Zürich Europaallee. Zudem steht der Rückbau der neuen Sihlpost kurz vor dem Abschluss. Die Arbeiten am Neubau Bahnhof Aarau und beim Umbau der Bahnhöfe Brig und Biel laufen auf Hochtouren.
Lange Zeit schien die Schweiz gegen die Folgen der Finanzmarktkrise immun. Inzwischen fallen auch hierzulande Mieten und Preise für Büro- oder Detailhandelsflächen. Hat die Krise Auswirkungen auf die Planungen der SBB?
Wir verfolgen die Entwicklung sehr aufmerksam. Auf den Schweizer Bau- und Immobilienmärkten war der Konjunkturabschwung bis Ende 2008 noch wenig spürbar. Das Kaufinteresse ausländischer Investoren nahm zwar ab, wurde aber durch die Nachfrage von institutionellen und privaten Schweizer Investoren kompensiert. Aufgrund der Finanzkrise erwarten wir allerdings auf dem Büroflächenmarkt eine Seitwärtsbewegung. Die Nachfrage nach grossen, zusammenhängenden Flächen an Toplagen wird aber weiterhin intakt bleiben. Auf unsere Planung wirkt sich das relativ wenig aus.
Wurden Projekte zurückgestellt oder reduziert?
Bisher nicht, aber wir bereiten uns selbstverständlich auf eine mögliche Verschärfung der Lage vor. Wir setzen den Hebel vornehmlich intern bei uns selber an. Unsere Partner oder Kunden sollen davon möglichst wenig spüren. Der Verzicht auf Bauprojekte wäre unter Umständen kontraproduktiv.
Im vergangenen Jahr konnten die Umsätze in den Grossbahnhöfen um mehr als sechs Prozent gesteigert werden. Wie entwickeln sich die Ertragspfeiler Mieterträge und Verkaufserlöse im laufenden Jahr?
Wir liegen bezüglich Detailhandelsumsätze nach wie vor über dem Vorjahr und über dem Schnitt der gesamten Branche. Allerdings hat sich die Wachstumskurve abgeflacht.
Früheren Angaben zufolge sollen bis 2014 rund 2,4 Milliarden Franken investiert werden. Wie weit haben sich die SBB diesen Zielvorgaben bisher genähert?
Wir liegen auf Kurs, insbesondere was die bereits erwähnten Grossprojekte betrifft.
Überall auf Kurs?
Etwas unsicher ist die Lage in Genf, wo durch die Verzögerung respektive durch die Einsprachen gegen die neue S-Bahn CEVA unsere Projekte im Umfeld der Haltestellen möglicherweise erst später in Angriff genommen werden können. Zudem verzögert sich der Umbau des Bahnhofs Genf Cornavin ebenfalls aufgrund von Einsprachen.
Die SBB haben angekündigt, nichtstrategische Objekte im Rahmen einer Portfoliobereinigung zu verkaufen, zum Beispiel Areale ohne direkten Bezug zum Bahnbetrieb. Gibt es dabei – neben Bahnschuppen – auch «gute Lagen» im Angebot?
Ja, die gibt es. Beispielsweise Wohnliegenschaften oder gut erschlossene Areale. Ich denke dabei an eine Parzelle in Auvernier an bester Aussichtslage, die Mehrfamilienhäuser Birshöhe in Muttenz oder an eine grössere Fläche in Rorschach, welche die Würth-Gruppe kaufen will.
Und wie kommen Sie mit dem Abverkauf voran?
Wir liegen auch hier im Plan, kurzfristige Verschiebungen und Veränderungen sind immer möglich.
Ein Blick auf den Gesamtkonzern: Seit Anfang des Jahres ist der Geschäftsbereich Immobilien, der seit 2003 direkt der Konzernleitung angegliedert war, eine eigenständige Division und als solche in der Konzernleitung vertreten. Hat sich das Tagesgeschäft der SBB Immobilien seither verändert?
Geändert hat sich möglicherweise die Wahrnehmung von aussen. Wir sind nun eine gleichberechtigte Division und tauchen dabei vielleicht etwas häufiger auch bei Unternehmensporträts auf. Ansonsten wurde mit der Aufwertung zur Division ein Zustand «offiziell», den wir eigentlich schon vorher als Geschäftsbereich gelebt haben.
80 aktuelle Projekte, Immobilienentwicklung – und verwaltung, Bewirtschaftung, und das alles bei einem sehr breit gefächerten Portfolio. Wie viele Mitarbeiter werden von SBB Immobilien benötigt, um die vielfältigen Aufgaben zu bewältigen?
Aktuell kümmern sich 350 Mitarbeitende um die Entwicklung und Projektierung, den Erwerb und Verkauf sowie die Bewirtschaftung der Immobilien. Rund 430 sind für die Reinigung der Bahnhöfe und Publikumsanlagen verantwortlich.
Gibt es bestimmte Kernkompetenzen, über die Ihre Mitarbeiter verfügen müssen?
Es gibt einzelne Kernkompetenzen, über die alle Mitarbeiter, unabhängig von ihrer jeweiligen Profession, verfügen müssen, nämlich Dienstleistungsbereitschaft und Kundenorientierung. Neben den spezifischen Fachkompetenzen in jedem Bereich brauchen wir beim Eisenbahnunternehmen SBB vor allem eines: vernetztes, gesamtheitliches Denken.
Sie leiten die Immobiliensparte der SBB seit fast 18 Jahren. In dieser Zeit wurden viele Weichen gestellt. Welche waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten?
Aus dem Mauerblümchendasein dazumal wurde die Immobiliensparte Teil des SBB-Kerngeschäfts und ein bedeutender Ertragspfeiler. Wir leisten dabei einen wichtigen Beitrag zur integrierten Mobilität.
Das heisst konkret?
Mit der zunehmenden Rationalisierung des Bahnbetriebes wurden immer wieder Flächen mitten in den Städten frei, die wir nun einer neuen Nutzung zuführen wollen. Dabei erinnere ich mich zum Beispiel an das Projekt Chur Gleis d. Dort haben wir auf dem Gelände der ehemaligen Hauptwerkstätte ein Gesundheits- und Bildungszentrum realisiert. Doch wichtig sind uns vor allem die Bahnhöfe. Sie sind zu eigentlichen Dienstleistungszentren mit Gleisanschluss geworden.
Eine letzte, persönliche Frage: Haben Sie ein Lieblingsprojekt, eines, an dem Ihnen besonders gelegen ist?
Ein Projekt hervorzuheben, ist fast nicht möglich. Ich durfte in meiner bisherigen Amtszeit sehr viele Vorhaben begleiten. Die Eröffnung eines Regionalbahnhofes nach der Komplettsanierung kann ebenso viel Freude bereiten wie der Spatenstich Basel Südpark vor wenigen Wochen. Ein ganz besonderes Ambiente hat für mich nach wie vor der Zürcher Hauptbahnhof, zum Beispiel wenn dort Wochenmarkt ist.



